Man kann sich im Leben immer entscheiden

Eine Geschichte genau so passiert in Dortmund.

Ich hole meinen Sohn am ZOB ab. Danach gehen wir zu Gleis 18 des Bahnhofs, wo wir noch 25 Minuten auf den RE nach Bochum warten müssen. Neben uns sitzt eine hübsche Frau, ungefähr Mitte 40, die genüsslich aus ihrer McDonalds-Tüte isst. Neben sie stellt ein wenig gepflegter Herr eine Pappkiste, die er wie einen Schatz hütet und die aber ganz offensichtlich leer ist. Er hält eine Suppe in einem Plastebecher in der Hand, trinkt einen Schluck und stellt den Becher in die Kiste, die er neben der Dame auf der Bank stehenlässt. Danach läuft er eine Weile auf dem Bahnsteig herum. In der Zwischenzeit kommt ein weiterer Mann zu uns. Eindeutig als BVB-Fan identifizierbar. Er schimpft, dass auf der Bank kein Platz mehr ist. Die hübsche Dame und die Pappkiste machen sich beide zu breit. Er meckert also vor sich hin und trennt die beiden dann unsanft voneinander. Die Dame schubst er zur Seite, die Pappkiste fliegt von der Bank – natürlich samt Suppe. Die Frau macht ihrem Ärger Luft: „Wie kann man sich nur so benehmen? Wirklich schlimm.“ – „Ja, ich sagte doch, dass ich Platz brauche. Da müssen’se halt mal rutschen.“ In der Zwischenzeit kommt der Pappkisten- und Suppenbesitzer wieder zurück und sieht das Maleur. Er hebt die Kiste auf, holt seinen Plastikbecher heraus und zieht ihn dem BVB-Fan über den Kopf. Dieser springt auf und beschimpft ihn wiederum.

Es hätte zu einem Handgemenge kommen können. Aber der Fan reißt sich zusammen und setzt sich wieder neben die Dame. Jetzt mit schmutziger Jacke und laut schnaufend. Die Pommes-kauende Dame: „Das haben Sie jetzt aber auch verdient.“ – „Wieso hab ich das verdient?“ – „Tja, man kann sich im Leben immer entscheiden, ob man ein Arschloch ist oder nicht.“ – „Da haben Sie recht. Ich bin in meinem Leben aber immer für alle der Arsch.“ – „Das tut mir leid. Aber wenn Sie ihm seine Suppe umschmeißen, dann haben Sie es auch verdient. Sie müssten ihm jetzt eigentlich eine neue Suppe kaufen.“ Es dauert keine zwei Minuten, der BVB-Fan steht auf, läuft zum Pappkisten- und Exsuppenbesitzer, entschuldigt sich bei ihm, klopft ihm auf die Schulter und gibt ihm 5 Euro in die Hand. Dieser will ablehnen, wird aber mehr oder weniger gedrängt, das Geld zu nehmen.


Ich drehe mich zu der Dame und sage ihr, dass sie wohl für heute Abend die Welt ein bisschen besser gemacht hat. Da kommt ein armer kleiner Wicht zu uns, schon leicht müde und glasiger Blick: „Wo fährt denn heute der RE nach Gladbach?“. Wissen wir beide nicht. Die Anzeigen gehen auch nicht. Also schauen wir in die DB App. „Gleis 11 in 5 Minuten.“ Er rennt also zum anderen Gleis. Es dauert keine Minute bis die Durchsage kommt „Der RE nach Mönchengladbach fährt heute statt auf Gleis 11 auf Gleis 18.“ Mist, das ist unser Gleis. Danke DB App!
Wir haben ein schlechtes Gewissen und suchen den Herrn auf Gleis 11. Irgendwann entdecken wir ihn und geben Handzeichen. Er braucht etwas bis er wieder bei uns ist und springt noch gerade so in den RE bevor er abfährt.
Hinter unserer Bank haben sich zwei Freunde gefunden, der Pappkistenbesitzer und der BVB-Fan unterhalten sich über die Revolution in Kiew und sind beide einer Meinung.

Die hübsche Dame und ich sind zufrieden. Zweimal was Gutes getan.
Dann setzt sich ein 1,90 m Mann neben uns, blondgelockt, höchstens 30. Die hübsche Dame schaut ihn an und fragt: „Und, was hast du für ein Problem? Können wir dir auch helfen?“ – „Nee, ich glaub nicht. Ich bin Lehrer und muss heute noch den Unterricht für morgen vorbereiten.“ – „Was denn für ein Fach?“ – „Sozialkunde“. Ob er morgen seiner Klasse die Geschichte von Gleis 18 erzählt?

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